Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Zweiklassenmedizin

Ebenso, wie es den Hausärztemangel gibt, exisitert auch die Zweiklassenmedizin, und beide hängen eng zusammen.

 

Über die Zweiklassenmedizin wird viel diskutiert, und viele Ärzte räumen heutzutage auch mehr oder weniger verschämt ein, dass die Behandlungsunterschiede zwischen privat und gesetzlich versicherten Patienten tatsächlich existieren. Dabei begegnet uns die Unterscheidung in zwei oder mehr „Klassen“ doch überall: in der Bahn, im Flugzeug, im Kino, im Theater u.s.w.. Letztlich haben wir in unserer freien Marktwirtschaft doch ständig und überall die Wahl zwischen mehreren „Klassen“, zwischen wenig und viel, zwischen billig und teuer, zwischen niedriger und hoher Qualität. Niemand regt sich ernsthaft darüber auf. Warum muss es uns peinlich sein, zuzugeben, dass es auch in der medizinischen Versorgung mehrere Klassen gibt?

 

Der signifikante Unterschied zwischen der Zweiklassenmedizin und den durch den Markt regulierten sonstigen „Klassen“ besteht jedoch darin, dass der Kassenpatient für seine zweite Klasse nicht unbedingt weniger zu bezahlen hat, als der Privatpatient für die erste Klasse, und dass die meisten gesetzlichen Versicherten nicht die freie Wahl der Klasse haben. Man kann aus der gesetzlichen Krankenversicherung nicht ohne weiteres in die erste Klasse „upgraden“. Nur freiwillig in der GKV Versicherte haben die freie Wahl zwischen erster und zweiter Klasse und wählen freiwillig die zweite Klasse zum Preis eines Erste-Klasse-Tickets. Natürlich kann diese Wahl unter Umständen auch Vorteile haben. Wenn man z.B. die Familie mitversichern muss, ist die gesetzliche Versicherung meistens die billigere Alternative.

 

Die zweite Klasse in der Behandlung gesetzlich versicherter Patienten ist keine Ärzte-Willkür, sie ist sogar gesetzlich vorgeschrieben. Im §12 des Sozialgesetzbuch V (SGB V) ist festgelegt:

 

§ 12 Wirtschaftlichkeitsgebot

(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.

(2) Ist für eine Leistung ein Festbetrag festgesetzt, erfüllt die Krankenkasse ihre Leistungspflicht mit dem Festbetrag.

 

Die Entscheidung darüber, was wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig ist, liegt beim Gemeinsamen Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen (G-BA). Er legt jedes Jahr fest, welche Leistungen von den Kassen generell erstattet werden dürfen. Im Einzelfall liegt die Entscheidung beim behandelnden Arzt und er muss sich im Zweifelsfall auch dafür rechtfertigen, ob seine Behandlung den Maßgaben den §12 SGB V entsprochen hat. Wenn er gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot verstößt, droht ihm eine Regresszahlung.

 

Für Privatpatienten gelten diese Einschränkung nicht. Bei Privatbehandlungen entscheidet allein der Arzt über die Art der Untersuchungen und Behandlungen.

 

Für den gesetzlich Versicherten ist also laut SGB V die zweite Klasse zwingend vorgeschrieben. In dieser zweiten Klasse sitzt aber auch der Kassenarzt, wenn er einen gesetzlich Versicherten behandelt. Der Arzt erhält für die Behandlung eines Kassenpatienten in der Regel deutlich weniger Honorar, als für die gleiche Behandlung eines Privatpatienten. Oft liegt das pauschalisierte Kassenhonorar sogar deutlich unterhalb der Wirtschaftlichkeitsgrenze, sodass die meisten Kassenärzte gezwungen sind, die Praxiskosten mit der Behandlung von Privatpatienten quer zu finanzieren. Das ist auch der Grund, warum der Hausärztemangel vor allem in Bezirken mit wenigen Privatversicherten immer gravierender wird. Eine Hausarztpraxis ohne einen größeren "Privatanteil" ist heutzutage wirtschaftlich kaum noch überlebensfähig. Solche Praxen werden wegen Unwirtschaftlichkeit immer häufiger geschlossen oder in ein wirtschaftlich attraktiveres Gebiet verlegt.

 

Die Kassen selbst und deren GKV-Spitzenverband gönnen sich jedoch grundsätzlich die erste Klasse. Das macht nicht zuletzt der Verwaltungskostenanteil von etwa 15% deutlich, von dem der „Wasserkopf“ sehr gut leben kann und aus dem die oft kritisierten Luxusimmobilien der Kassen finanziert werden.

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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Copyright by Andreas Ploch, April 2018