Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Das Kassenhonorar der Hausärzte

Das Honorarsystem der Kassenärzte in Deutschland ist so komplex und kompliziert, dass es hier nur sehr oberflächlich dargestellt werden kann.

Besuchspauschalen:

Hausärzte werden grundsätzlich in Pauschalen bezahlt. Das bedeutet, pro Patient und Quartal erhält der Hausarzt einen Pauschalbetrag, der von der Anzahl der einzelnen Patientenbesuche und vom Umfang der Behandlung unabhängig ist. Es spielt also grundsätzlich keine Rolle, ob der Patient einmal oder zehnmal kommt und wie aufwändig die Untersuchungen und Behandlungen sind, die Pauschale wird nur einmal für das laufende Quartal ausbezahlt. Diese Pauschale ist jedoch abhängig vom Alter des Patienten (alle folgenden Angaben mit Stand April 2018 und ohne Gewähr):

 

bis vollendetes 4. Lebensjahr   40,80 €
5. bis vollendetes 18. Lebensjahr   33,64 €
19. bis vollendetes 54. Lebensjahr   30,66 €
55. bis vollendetes 75. Lebensjahr   36,39 €
ab dem 76. Lebensjahr   41,03 €

Chronikerpauschalen:

Wenn ein Patient eine dokumentierte chronische Erkrankung hat und in mindestens drei der letzten vier Quartale ärztlich behandelt wurde. Erhält der Arzt pro Quartal eine Chronikerpauschale in Höhe von 13,85€ und für einen zweiten Besuch des Patienten eine weitere Chronikerpauschale in Höhe von

4,26 €. Für jeden weiteren Besuch erhält der Hausarzt kein zusätzliches Konsultationshonorar mehr. Nicht selten kommt es aber vor, dass chronisch kranke Menschen ihren Hausarzt einmal pro Woche und häufiger aufsuchen müssen.

 

Gesprächspauschale:

Führt der Hausarzt mit einem Patienten ein mindestens zehn Minuten dauerndes „problemorientiertes Gespräch", kann er zusätzlich pro abgeschlossene zehn Minuten eine Gesprächspauschale in Höhe von 9,59 € berechnen. Die Honorierung dieser Gesprächspauschale ist jedoch auf die Hälfte der im Quartal behandelten Patienten beschränkt. Der Hausarzt dürfte diese Pauschale zwar beliebig oft ansetzen (sofern er sein Zeitbudget nicht überschreitet), bekommt aber höchstens ½ x 9,39 € x Patienten im Quartal bezahlt. Den Kassen ist die oft zitierte und geforderte sprechende Medizin also maximal 4,80 € pro Patient und Quartal wert.

 

Besondere Pauschalen:

Für die Behandlung von Patienten in einer palliativen Situation oder mit dementiellen Erkrankungen erhält der Hausarzt weitere Pauschalen:

Betreuung eines Demenzkranken    pro Quartal   16,94 €
Betreung eine Palliativpatienten pro Konsultation    
in der Praxis   16,94 €
durch Haus- oder Heimbesuch   13,21 €
     

Honorierbare Einzelleistungen:

Einige Einzelleistungen kann der Hausarzt auch außerhalb der jeweiligen Pauschalen abrechnen. Hier ein exemplarischer Auszug :

Wundnaht oder kl. operativer Eingriff   6,07 €
Lungenfunktionsprüfung   6,39 €
Einzelimpfung (Grippe, FSME etc.)   7,67 €
Ultraschall der Schilddrüse   9,06 €
Demenztest bei Patienten über 70 J.   13,00 €
Kombinationsimpfung   15,34 €
Ultraschall des Bauches   16,73 €
Belastungs-EKG (Ergometrie)   21,31 €
Hausbesuch   22,59 €
Vorsorgeuntersuchung (alle 2 J.)   32,28 €

Nun mögen Sie denken, das klingt doch gar nicht mal so schlecht, dann macht der Hausarzt vielleicht bei jedem zweiten Patienten ein Ultraschall oder eine Ergometrie u.s.w.. Doch das bringt nichts, denn das Gesamthonorar ist gedeckelt. Das bedeutet, dass der Hausarzt am Beginn eines jeden Quartal von seiner KV (Kassenärztlichen Vereinigung) in der Regel mitgeteilt bekommt, wie viel er für die Behandlung seiner Patienten in Rechnung stellen darf. Wenn der Hausarzt mit seinen Leistungen dieses „Regelleistungsvolumen“ überschreitet, werden die zuviel abgerechneten Leistungen nur noch zu einem Bruchteil honoriert. Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen fallen dagegen nicht ins Regelleistungsvolumen.

 

Hinzu kommt, dass der Hausarzt in der Durchführung seiner Leistungen mit  seiner Fachgruppe verglichen wird. Wenn er z.B. deutlich mehr Ultraschalluntersuchungen abrechnet als der Durchschnitt der anderen Hausärzte, wird er „auffällig“, was zu einer Prüfung seiner Abrechnung führen kann. Er müsste dann z.B. jede einzeln durchgeführte Sonographie nachweisen und auch den Grund dafür erklären.

 

Eine weitere Einschränkung der hausärztlichen Tätigkeit erfolgt durch die Arbeitszeit. Jede per Abrechnung dokumentierte Maßnahme unterliegt einer bestimmten Prüfzeit. Die Summe der Prüfzeiten darf pro Tag elf Stunden und im Quartal 720 Stunden nicht überschreiten. Andernfalls wird dem Arzt unterstellt, er habe mehr gearbeitet, als er dafür Zeit gehabt hätte und er wird wiederum auffällig, was eine genauere Prüfung zur Folge hat, an deren Ende eine Regressforderung und evtl. auch eine Anzeige wegen Abrechnungsbetruges stehen könnte. Dass die einzelnen Prüfzeiten oft viel länger sind, als ein routinierter Hausarzt für bestimmte Tätigkeiten in Realität benötigt, interessiert dabei nicht.

 

Ein wichtiges Maß des hausärztlichen Honorars ist der Fallwert. Der Fallwert ist das Maximalhonorar, welches der Arzt für die Behandlung eines Patienten pro Quartal durschschnittlich erhält.

 

Die Fallwerte werden für die einzelnen Bundesländer von den jeweiligen KVen für jedes Quartal neu festgelegt. Sie unterscheiden sich gravierend und schwanken leicht von Quartal zu Quartal.

 

Die NRW-Hausärzte erhalten z.B. deutlich weniger Honorar als ihre bayerischen Kollegen. Die Fallwerte, die von den Länder-KVen nach den Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen festgelegt werden, sind der Grund dafür, dass der Hausärztemangel in den Niedrighonorar-Regionen deutlicher spürbar ist. Warum sollte sich ein Allgemeinmediziner, der ja heutzutage unter den vielen Niederlassungsangeboten in ganz Deutschland frei wählen kann, ausgerechnet in Hamburg oder NRW niederlassen, wenn er dort deutlich weniger verdient als in in Süddeutschland?

 

Die unterschiedlichen Fallwerte zeigen auch, dass die in den Medien behaupteten Honorareinnahmen der Hausärzte aus der Behandlung von Kassenpatienten oft frei erfunden oder schöngerechnet werden.

Im Bundesdurchschnitt behandeln Hausärzte pro Quartal ca. 900 Patienten. Selbst in Bayern beträgt daher das durchschnittliche Kassenhonorar knapp

167 000 € pro Jahr. Legt man Betriebskosten von 10 000 € pro Monat zugrunde bleibt dem Hausarzt ein Reingewinn von knapp 50 000 € p.a..

 

Der prozentuale Anteil des ambulanten ärztlichen Honorars an der Gesamtleistung des Krankenkassenumsatzes in Deutschland hat sich seit 1982 um ca. 40% reduziert, im Vergleich zum Bruttosozialprodukt sogar halbiert und im europäischen Vergleich auf unter 80% des Mittels eingependelt. Wenn die Kassen also behaupten, dass die Ärzte angeblich so viel verdienen, wie nie zuvor, so muss man dies im Verhältnis zum Gesamtumsatz der Kassen in Deutschland sehen. Die Gewinner des Systems sind eindeutig die Kassen, die Verlierer sind dagegen Ärzte und Patienten.

 

Was am Ende übrig bleibt

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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