Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Die neue Bedarfsplanung für Hausärzte, ein Lehrstück planwirtschaftlicher Schönrechnerei

Mit welchen Mitteln versucht wird, den Hausärztemangel in Deutschland unter den Tisch zu kehren, zeigt die neue Bedarfsplanung, die zum 1.1.2013 eingeführt wurde.

 

Die Bedarfsplanung für niedergelassene Vertragsärzte ("Kassenärzte") legt fest, wie viele Ärzte der einzelnen Fachgruppen in einem bestimmten Gebiet benötigt und zugelassen werden. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Bedarfsplanung zum Jahresbeginn 2013 geändert. Dabei wurden die Planungsbereiche für die Hausärzte neu festgelegt und gleichzeitig von den Planungbereichen der Fachärzte getrennt. Die Planungsbereiche der Hausärzte wurden in die so genannten Mittelbereiche gegliedert. Aus den ursprünglich 395 bundesweiten Planungsbereichen wurden 883 hausärztliche Mittelbereiche. Die hausärztlichen Planungsbereiche wurden also in der Regel verkleinert. Die benötigte Zahl der Hausärzte wurde im Bundesdurchschnitt auf einen Hausarzt pro 1671 Einwohner festgelegt. In der alten Bedarfsplanung war noch ein Hausarzt pro 1419 Einwohner vorgesehen. Somit werden jedem Hausarzt im Durchschnitt zusätzliche 252 Einwohner zugeordnet.

 

Durch diesen, von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommenen und von Laien kaum erkennbaren Trick des G-BA, wurde der offizielle Bedarf an Hausärzten einfach um ca. 15% gesenkt. Die demografischen Veränderungen der Bevölkerung (und der Hausärzte) wurden offenbar vollkommen ignoriert, denn demnach hätte das Verhältnis Hausärzte pro Einwohner in die entgegengesetzte Richtung verändert werden müssen. In diesem Fall wäre der Hausärztemangel jedoch praktisch gesetzlich festgeschrieben worden, was politisch absolut undenkbar gewesen wäre. Die ca. 3000 neu geschaffenen Niederlassungsmöglichkeiten, von welchen schon vorher rund 2000 bestanden, verkaufte man als Erfolg, ohne jedoch einen Plan zu haben, wie diese Sitze mit Hausärzten besetzt werden könnten.

Auch wie der G-BA nun auf das geplante neue Verhältnis von 1 : 1671  kam, bleibt unklar. Möglicherweise hat man einfach das in zwei bis drei Jahren zu erwartende Verhältnis gewählt, doch bis dahin kann die Bedarfsplanung ja nochmals nachgebessert werden.

 

In manchen Mittelbereichen kam es durch die Umstrukturierung und Verkleinerung der Planungsbereiche tatsächlich zur Bildung neuer Hausarztsitze (die ohnehin kaum besetzt werden können), in vielen Mittelbereichen wurden indessen unbesetzte Hausarztsitze aufgrund der nun festgestellten "Überversorgung" einfach gestrichen. Wo keine freien Sitze zu streichen waren, hat man die vorher unterversorgten Planungsbereiche immerhin als regel- oder überversorgt deklarieren können. So verlor allein Bayern, welches vom Hausärztemangel bislang nur eher wenig betroffen war, 80 Hausarztsitze. Somit gibt es nach der offiziellen Definition in Bayern so gut wie keinen Hausarztmangel mehr - noch nicht einmal mehr ein "Verteilungsproblem". Offiziell galten in Bayern 2016 nur drei Mittelbereiche als hausärztlich unterversorgt (Ansbach Nord, Feuchtwangen, Haßberge).

 

Die neue Bedarfsplanung hat also, ohne mehr Hausärzte zur Verfügung zu haben, in vielen Regionen zu weniger freien Hausarztsitzen und mehr regel- und überversorgten Planungsbereichen geführt. Die neu entstandenen Niederlassungsmöglichkeiten können dagegen kaum durch neue Allgemeinmediziner besetzt werden, da diese einfach nicht zur Verfügung stehen (wollen).

 

In der Konsequenz können sich in praktisch unterversorgten, nun leider als regel- oder überversorgt definierten Planungsbereichen keine neuen Hausärzte mehr niederlassen, selbst wenn sie wollten. Das zeigen exemplarisch drei Fälle:

Bobingen

Pfreimd

Schonach

 

Auf jeden Fall gibt die neue Bedarfsplanung für Hausärzte der Gesundheitspolitik und den Kassen nun die Möglichkeit, den Ärztemangel weitgehend abzustreiten oder zumindest zu beschönigen und dabei auf die oft zitierten Verteilungsprobleme hinzuweisen. Das zeigt sichz.B. in einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die trotz (unerwähnter) sinkender Hausarztzahlen eine Verbesserung der hausärztlichen Versorgung festgestellt haben will.

 

Informationen des G-BA

 

Schöngerechnete Medizinische Versorgung

 

Der Ärztemangel ist geplant!

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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