Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Für niederlassungswillige Allgemeinmediziner

Sie sind FA/FÄ für Allgemeinmedizin oder Innere und Allgemeinmedizin und möchten sich niederlassen. Sicherlich haben Sie sich diesen Schritt nach jahrelanger Ausbildung und wahrscheinlich auch fachärztlicher Tätigkeit gut überlegt, weshalb ich es Ihnen und mir erspare, davon abzuraten. Ich möchte Ihnen auch keine wirtschaftlichen Ratschläge oder Tipps für die Praxisübernahme geben.

 

Wichtig ist mir, dass Sie sich als Facharzt für Allgemeinmedizin über Ihren persönlichen Wert im Klaren sein müssen. Nur wenige Berufe dürften aktuell noch mehr gefragt sein, als der des Hausarztes. Kassen und Politik haben spätestens seit Seehofers Ära als Gesundheitsminister maßgeblich dazu beigetragen, dass durch Ignoranz, Unwissenheit, Geldgier, parteipolitische Zwänge, aber auch mit purem Vorsatz die Hausärzte knapp geworden sind und nur noch wenige Medizinstudenten, Ärzte in Weiterbildung oder Allgemeinmediziner Hausarzt werden möchten. Jeder nachfolgende Gesundheitsminister hat die Lage noch weiter verschärft und der aktuelle BM für Gesundheit ist scheinbar gerade dabei, den niedergelassen Ärzten im Allgemeinen und den Hausärzten im Besonderen den Rest zu geben. Die Verflechtung von Kassen und Politik gibt den Kassen mittlerweile die Macht, mit uns Hausärzten so umzuspringen, wie sie möchten, SGB V hin oder her. Die eigenen KVen tun kaum etwas, um unsere Interessen durchzusetzen - meistens arbeiten sie sogar gegen uns - und wir Hausärzte sind in unseren individuellen Interessen viel zu polivalent, als dass wir uns gegen diese Willkür gemeinsam und konsequent zur Wehr setzen könnten bzw. wollten. Das hat ganz exemplarisch am 22.12.2010 der gescheiterte Versuch der bayerischen Hausärzte gezeigt, gemeinsam aus diesem System auszusteigen. Dieser gescheiterte Ausstiegsversuch führte auch noch dazu, dass wir mit Herrn Dr. Wolfgang Hoppenthaller den einzigen Ärztefunktionär verloren, der jemals wirklich auf der Seite der Hausärzte stand.

 

Mittlerweile reißen sich viele Kommunen um Sie als Allgemeinmediziner. Verkaufen Sie sich daher keinesfalls unter Wert. Wenn Sie örtlich nicht gebunden sind, haben fast die freie Auswahl. Sehen Sie sich in den Praxisbörsen der Länder-KVen, der Ärzteblätter, der Praxismakler etc. um. Das Angebot an frei werdenden Praxen bzw. Praxissitzen für Hausärzte und der Bedarf an jungen Hausärzten ist immens groß und wächst von Woche zu Woche. Es sind dabei schon lange nicht mehr die strukturschwachen, ländlichen Gebiete, die unter dem Hausärztemangel leiden. Auch in kleineren Städten, größeren Gemeinden, in der Peripherie um Großstädte und mittlerweile sogar in den Großstädten selbst werden Hausärzte gesucht. Für jeden Geschmack ist also etwas dabei.

 

Lassen Sie sich keinesfalls davon abschrecken, dass der Mittelbereich, in dem Sie sich vielleicht niederlassen möchten als überversorgt gilt. Der tatsächliche Versorgungsgrad lässt sich nicht anhand der Anzahl der Hausärzte in einem Mittelbereich bemessen, sondern nur anhand des Quotienten Einwohner pro Hausarzt im einzelnen Ort. Jede Stadt oder Gemeinde, in der dieser Quotient größer als 2000 ist, muss als deutlich unterversorgt betrachtet werden. 

 

Früher wurden Hausarztpraxen kaum unter 100 000 € gehandelt. Solche Preise werden jedoch schon lange nicht mehr gefordert. Oft werden Hausarztpraxen heutzutage sogar verschenkt, nur damit die medizinsiche Versorgung im Ort gewährleistet bleibt und der Vorbesitzer sein Lebenswerk nicht in den Sperrmüllcontainer werfen muss. Heute hat sich das Gesetz von Angebot und Nachfrage umgekehrt, nicht die Praxen sind gefragt, sondern der übernehmende Arzt. Lassen Sie sich daher auf jeden Fall ein Angebot machen - für sich selbst! Denken Sie daran: als Hausarzt sind Sie eigentlich unbezahlbar! Auch wenn es bislang nicht sehr offen kommuniziert wird: viele Städte und Gemeinden lassen sich einen neuen Hausarzt etwas kosten.

 

Folgende Punkte sollten je nach Übernahmesituation verhandelt werden:

  • mietfreie Praxisräume oder/und
  • Beteiligung an den Personalkosten und
  • Übernahme des Kaufpreises
  • und ggf. zinsgünstiges Darlehen der örtlichen Sparkasse, Raiffeisenbank etc. für die nötige Neuanschaffung von Geräten und Einrichtung.

Im Gegenzug werden Sie sich natürlich dazu verpflichen müssen, eine gewisse Zeit im Ort zu praktizieren, aber das möchten Sie ja ohnehin.

 

Die als einmalige Finanzierungsanschübe getarnten "Fangprämien", wie sie von KVen oder Kommunen mittlerweile oft angeboten werden, sollten Sie dagegen nicht akzeptieren. Die paar 10000 Euro, die hier angeboten werden, sind schneller weg, als man denkt, und danach sitzen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in der wirtschaftlichen Falle, wie so viele Hausärzte.

 

Aber muss es denn unbedingt eine Kassenpraxis sein, mit der Sie sich in ein unkalkulierbares Abhängigkeitsverhältnis zu KV und Kassen geben würden?

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, eine Privatpraxis für Allgemeinmedizin zu eröffnen? Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen berichten, dass sie damit ein viel zufriedenerer Hausarzt werden können.

Sie müssen Ihre Patienten nicht nach den Regeln des SGB V beWANZen, sondern dürfen sie nach den Regeln der medizinischen Kunst, die Sie mindestens elf Jahre lang erlernt haben, behandeln. Sie arbeiten frei von budgetären Zwängen und fast ohne unsinnige Verwaltungsakte, welche Ihnen von den Kassen und Behörden aufgezwungen werden. Sie müssen keine Notdienste zu Honoraren ableisten, über die sich jeder angelernte Mitarbeiter eines Schlüsseldiestes totlacht. Keine KV kann Ihnen vorschreiben, wo Sie Ihre Praxis eröffnen müssen, Sie dürfen so viele (oder so wenige) Patienten behandeln, wie Sie möchten. Sie haben für jeden Patienten so viel Zeit, wie er bzw. Sie benötigen, und nicht zuletzt werden Sie nicht mit Pauschalhonoraren abgespeist, die sich betriebswirtschaftlich nicht mehr rechnen.

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

Druckversion Druckversion | Sitemap
Copyright by Andreas Ploch, November 2018