Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Informationen für Lokalpolitik und Verwaltung

Als Lokalpolitiker und/oder Verantwortlicher in der kommunalen Verwaltung interessiert Sie natürlich, ob Ihre Kommune unter Hausärztemangel leidet. Natürlich kennen Sie die Bedarfsplanung  für Hausärzte in Ihrem Mittelbereich. Nur leider sagt diese nur sehr wenig über den tatsächlichen Bedarf aus. Viele Bereiche, in denen ein tatsächlicher Hausärztemangel besteht, gelten als überversorgt, wodurch die Suche nach neuen Hausärzten zusätzlich stark erschwert wird.

 

Woran erkennt man den Hausärztemangel in der Kommune?

 

Der Hausärztemangel beginnt schleichend und ist zunächst tatsächlich nur schwer zu erkennen. Üblicherweise beginnt es damit, dass eine Hausarztpraxis aufgrund des Alters oder aus privaten Gründen ohne Nachfolger schließt. Die übrigen am Ort ansässigen Hausärzte scheinen den Verlust des Kollegen kompensieren zu können, trotzdem kann der Hausärztemangel schon begonnen haben. Hören Sie sich einmal in Ihrer Ortschaft um. Vielleicht teilt Ihnen jemand eine solche oder ähnliche Erfahrung mit:

 

"Als mein alter Hausarzt seine Praxis geschlossen hat, bin ich zu dem anderen. Aber der taugt leider gar nichts. Da sitze ich erst einmal zwei, drei Stunden im vollen Wartezimmer und dann bin ich nach fünf Minuten mit einem Rezept wieder draußen. Und meine Schwiegermutter im Altenheim will er gar nicht behandeln. Er sagt, dass er keine Hausbesuche mehr macht. Mein alter Hausarzt hat sich dagegen immer viel Zeit für seine Patienten genommen. Den konnte ich auch immer anrufen, dann ist er notfalls gleich gekommen."

 

Neben solchen Erfahrungsberichten der Bürger gibt es eindeutige Warnsignale, die auf einen drohenden oder bereits bestehenden Hausärztemangel hinweisen:

 

  • Die Anzahl der praktizierenden Hausärzte hat in Ihrem Zuständigkeitsbereich abgenommen.
  • Das Durchschnittsalter der Hausärzte in der Gemeinde beträgt über 55 Jahre
  • Das Durchschnittsalter der Bürger ist im Vergleich zum Durchschnittsalter in Deutschland höher.
  • Es gibt unterdurchschnittlich viele Privatversicherte (< 8 %).
  • Auf mehr als 1500 Einwohner kommt nur ein Hausarzt.
  • Der Umsatz der örtlichen Apotheke(n) geht zurück, bzw. eine Apotheke muss schließen.

Sprechen Sie mit den ansässigen Ärzten und Apothekern, wie sich deren aktuelle Situation darstellt.

Keinesfalls dürfen Sie sich auf die offizielle Versorgungsstatistik in Ihrem Mittelbereich verlassen, welche von Kassen, Politik und KVen gerne als Beleg gegen den Hausärztemangel herangezogen wird. Häufig finden sich unterversorgte Gemeinden in offiziell überversorgten Mittelbereichen (früher: Zulassungsbezirke).

 

Welche wirtschaftlichen Folgen hat der Hausärztemangel?

 

Die Abnahme der Hausarztpraxen hat vielfältige wirtschaftliche und auch soziale Folgen:

  • Bürger, die auf eine dauerhafte ärztliche Betreuung angewiesen sind, werden wegziehen.
  • Neubürger werden vom Zuzug abgehalten, wenn die medizinische Versorgung in der neuen Wahlheimat nicht gewährleistet erscheint.
  • Apotheken müssen aufgrund des Umsatzeinbruchs schließen.
  • Physiotherapeuten und Hilfsmittelversorger sind ebenso auf lokale Ärzte angewiesen und werden ohne Hausärzte nur schwer existieren können,
  • Seniorenheime sind auf eine intensive hausärztliche Betreuung angewiesen. Ohne ausreichend viele Hausärzte droht ihnen das Aus.

Den Rest können Sie sich leicht selbst ausmalen: Letztendlich wird eine Gemeinde ohne Hausärzte keine Zukunft mehr haben.

 

Was kann man gegen den Hausärztemangel in der Kommune tun?

 

Diese Frage lässt sich leider nicht pauschal beantworten. Nur soviel sei gesagt: Sie müssen Ihren Ort für die Niederlassung eines neuen Hausarztes sehr attraktiv machen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass "kleine Willkommenspräsente" bis hin zu einem Baugrundstück zum symbolischen Kaufpreis von ein paar Euro nicht zum Erfolg führen. Solange Hausärzte im aktuell bestehenden Gesundheitssystem schlecht bezahlt werden und dauerhaft ein hohes wirtschaftliches Risiko eingehen, ist es z. B. erwägenswert, dass sich Ihre Gemeinde an den laufenden Praxiskosten oder den Personalkosten beteiligt.

 

Sie sollten sich als Verantwortungsträger klar vor Augen führen, dass der Hausärztemangel schon längst Realität ist und von Monat zu Monat dramatischere Ausmaße annimmt. Jede Woche schließen derzeit in Deutschland etwa zehn Hausarztpraxen für immer! Im Laufe der nächsten zehn Jahre wird die Hälfte der rund 50000  in Deutschland praktizierenden Hausärzte das Rentenalter erreicht haben und nur ein Bruchteil von ihnen wird einen Praxisnachfolger gefunden haben. Es ist absolut unmöglich, in diesen zehn Jahren 25000 neue Allgemeinmediziner motivieren und ausbilden zu können - nicht in diesem planwirtschaftlichen Gesundheitssystem, in welchem beste medizinsche Versorgung zur Honorarflatrate und auf das persönliche Risiko des Arztes eingefordert wird.

 

Der Kampf um die wenigen, noch zur Niederlassung bereiten Fachärzte für Allgemeinmedizin hat längst begonnen und Ihre Gemeinde konkurriert heute schon mit hunderten, wenn nicht sogar tausenden anderer Gemeinden. Wenn Sie die bedrohliche Lage erkannt haben, müssen Sie beherzt und konsequent handeln. Schlechte Beispiele, wie man es nicht macht, finden Sie auf dieser Internetpräsenz zur genüge. Seien Sie kreativ und mutig, aber ohne dass Sie Geld in die Hand nehmen, werden Sie kaum einen neuen Hausarzt finden.

 

Besonders problematisch wird es jedoch, wenn Ihr Mittelbereich offiziell als überversorgt gilt. In diesem Fall kann sich nämlich kein neuer Hausarzt niederlassen, sofern er nicht übergangslos eine frei werdende Praxis bzw. Zulassung übernehmen konnte. Sollten Sie tatsächlich einen niederlassungs-willigen Allgemeinmediziner an der Hand haben, der bereit ist, in Ihrem Ort eine Praxis neu zu eröffnen, hilft es evtl., einen Härtefallantrag an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung zu stellen, in welchem die Notwendigkeit eines weiteren Hausarztes im Mittelbereich stichhaltig begründet wird. Leider zeigt die Erfahrung, dass die KVen in solchen Fällen gerne sehr träge reagieren, und sich ein "neuer" Hausarzt vor einer Entscheidungsfindung bereits anderweitig orientiert hat.

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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