Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Die Gründe für den Hausärztemangel

Die Gründe für den zunehmende Hausärztemangel sind äußerst vielfältig und können daher nicht leicht erfasst werden. Im folgenden soll versucht werden, die wichtigsten Ursachen des Hausärztemangels zu beschreiben.

Diskrepanz zwischen Work-Life-Balance und Anforderungen des Berufs

Der Beruf des Hausarztes bringt eine hohe Wochenarbeitszeit mit sich. Diese bemisst sich nicht alleine durch die angebotenen Sprechstunden. Hinzu kommen nämlich die Hausbesuche und vor allem die administrativen Tätigkeiten. Kassen und soziale Behörden "bombardieren" die Hausärzte regelrecht mit Anfragen bzgl.  Behandlung, Arbeitsunfähigkeit, Grad der Behinderung, Kur- oder Reha-Anträge etc.. Außerdem  braucht der Hausarzt Zeit für die Dokumentation der Behandlungsfälle und die Abrechnung. Nur wenige Hausärzte werden es somit auf eine Wochenarbeitszeit von weniger als 50 Stunden schaffen. Gerade Frauen, die mittlerweile über die Hälfte der Fachärzte für Allgemeinmedizin stellen, sehen in den Anforderungen an die Tätigkeit als Hausarzt keine Vereinbarkeit mit der Gründung einer Familie. Aber auch männliche Ärzte wünschen heutzutage mehr Freizeit als noch vor wenigen Jahrzehnten.

 

In anderen Fachgebieten und im Krankenhaus ist die Arbeitszeitbelastung der Ärzte in der Regel deutlich niedriger.

Das Honorar und das wirtschaftliche Risiko eines Kassenarztes

Ein weiterer Grund für den ausufernden Hausärztemangel ist das immer größer werdende wirtschaftliche Risiko. Bestand früher in der Übernahme einer Hausarztpraxis keinerlei Risiko, kann es heutzutage leicht zum wirtschaftlichen Fiasko kommen.

Die Honorare sind in den letzten Jahrzehnten, spätestens aber seit Seehofers unrühmlicher Ära als Gesundheitsminister im Vergleich zur Kaufkraft der DM bzw. des Euro stark gesunken. In den letzen 10 Jahren wurde der "Einheitliche Bewertungsmaßstab" (EBM), nach dem sich das Honorar der Ärzte bemisst, dreimal geändert, und jedesmal wurde durch die Hintertür eine Honorarabsenkung herbeigeführt, die durch zähe Verhandlungen mit den Kassen mehr oder weniger schlecht ausgeglichen werden konnte. Im Jahr 2012 kam es von Seiten der Kassen im Rahmen von Honorarverhandlungen sogar zu einem "Angebot" über eine praktische Honorarkürzung!

Der Hausarzt verdient ohnehin nicht mehr proportional zu seiner Arbeitsleistung sondern wird für die Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten in der Regel mit Behandlungspauschalen abgespeist, die ihm pro Patient gezahlt werden. Dabei ist sein Gesamthonorar auch noch budgetiert. Der Hausarzt kann also so viel arbeiten, wie er kann oder möchte, er wird nur ein festgelegtes Höchsthonorar, das Regelleistungsvolumen erhalten. 2008 wurde das Homorar der niedergelassenen Ärzte als "kalkulatorischer Arztlohn" in Höhe eines Oberarztgehaltes festgelegt. Demnach müsste auch ein Hausarzt derzeit ca. 130 000 Euro brutto verdienen, was jedoch absolut illusorisch ist, da sich die Kassen in ihren Honorarzahlungen nicht an diesen festgelegten Honorar-maßstab halten. Die Honorierung müsste um mehr als ein Drittel angehoben werden, um diesen kalkulatorischen Arztlohn zu erreichen. Diese, durch die Kassen zu verantworteten Honorarkürzungen betreffen natürlich nicht nur die Hausärzte, sondern auch die meisten Facharztgruppen. Allen voran die so genannten "Goudah-Fächer" (Gynäkologie, Orthopädie, Urologie, Dermatologie, Augenheilkunde, HNO) leiden unter der Honorarknappheit.

Möglicherweise wird der (Haus-)Arzt sogar für ein überdurchschnittliche Engagement bestraft, denn Mehrarbeit bedeutet auch mehr Verordnungen von Medikamenten, Heilmitteln und Hilfsmitteln. Doch auch diese sind budgetiert, und der Hausarzt riskiert, die Kosten für die Budgetüberschreitung aus der eigenen Tasche zurückzahlen zu müssen.

 

Wolfgang Bartelt, Facharzt für Orthopädie, beschreibt am 30.05.2014 im Ärzteforum Hippokranet die Auswirkungen des Regressrisikos sehr einprägsam:

 

1. eine Regressdrohung verursacht Angst, Panik, schlaflose Nächte, mit anderen Worten: macht krank.  Jeder weiß: vor dem Prüfungsausschuss oder auf See sind alle in Gottes Hand. Gerechtigkeit ist dort nicht das Thema.

 

2. Regressverfahren stehlen Lebenszeit. Die Überprüfungen von Verordnungen über 8 Quartale ersetzen den Urlaub.

 

3. Regresse kosten fast immer Geld. Meine Erfahrung: ohne Anwalt hat man keine Chance. Mit Anwalt gibt es entweder eine Reduktion des Regresses um etwa so viel, wie der Anwalt kostet, oder es gibt - wenn die Beschwerdekommission merkt, daß sie unterlegen ist - einen Deal, daß der Regress zurückgezogen wird, und jeder bezahlt seine Rechtshilfe-Kosten. D.h.: die Körperschaft bezahlt nichts, weil sie auf angestellte Juristen zurückgreifen kann, und der Delinquent hat seine Anwaltskosten an der Backe.

 

4. Das Regress-Risiko verschlechtert die Patientenbehandlung. Bei mir gibt es täglich mehrere Fälle, bei denen ich Patienten Verordnungen verweigere (meist KG), obwohl ich sie eigentlich für - nein, nicht notwendig, denn dann mache ich mich ja strafbar - für "optimal" halte und somit nicht als Kassenleistung verordnungsfähig. Dieser Spagat zwischen meiner eigenen Überzeugung und dem Selbstschutz, diese institutionalisierte Lügerei, zusammen mit den ekeligen Diskussionen mit Patienten, die anderer Meinung sind, aber eigentlich ich bin der gleichen Meinung, darf es nur nicht sein - diese Diskussionen verleiden mir meinen Beruf. Nicht die reale Regress-Rate ist das Problem, sondern das individuell kaum abschätzbare Risiko.

 

5. Die Regressverfahren passen nicht in einen Rechtsstaat. Wenn die Beschwerdekommission einen Regress festsetzt, wird er exekutiert, ohne daß sich eine reguläre gerichtliche Instanz damit beschäftigt hat, nach dem Motto: wenn's Ihnen nicht passt können Sie ja klagen. Abgesehen von der Tatsache, daß diese Klage vor einem politisch abhängigen Sondergericht und nicht vor einer unabhängigen Justiz-Instanz entschieden wird, heißt das: ich werde bestohlen, weiß, wer es war und wo mein Eigentum zu finden ist; trotzdem muß ich eine Gerichtsinstanz anrufen, die den Dieb schützt, um mein Eigentum zurück zu erhalten; diese Instanz muß ich auch noch bezahlen. Und eine Entscheidung gibt es in 4 oder 5 Jahren. Solange darf der Dieb mein Geld behalten.

Daraus ergibt sich dann der antwaltliche Rat: "nehmen Sie den Vergleich an. Sie haben zwar Recht, aber ob Sie Recht bekommen liegt in Gottes Hand. Wenn Sie Recht bekommen ist der Zinsverlust der strittigen Regress-Summe höher als mein Honorar.

(Zitat mit freundlicher Genehmigung durch Herrn W. Bartels, Hervorhebungen durch mich; Link für angemeldete Nutzer des Hippokranet.

Hausarzt ist nicht gleich Hausarzt

Nicht jeder Facharzt für Allgemeinmedizin, der in der Statistik als Hausarzt geführt wird, ist auch Hausarzt. Viele Allgemeinmediziner sind als Spezialisten tätig, z.B. als Psychotherapeuten, Diabetologen, Pneumologen (Lungenärzte) u.s.w..

An der hausärztlichen Versorgung nehmen diese Allgemeinmediziner nicht teil, werden aber üblicherweise trotzdem zu den Hausärzten gezählt. Gerade in Ballungsgebieten ist der Anteil der fachärztlich tätigen Hausärzte relativ hoch, was dazu beiträgt, dass der Hausärztemangel in Großstädten verschleiert wird.

Darstellung in der Öffentlichkeit und in den Medien

Medien, Kassen und Politik haben sich in den letzten Jahren angewöhnt, die deutsche Ärzteschaft im Allgemeinen und die Hausärzte im Besonderen als raffgierige Abzocker darzustellen, die nicht genug Honorar bekommen können. Interessanterweise widersprechen sich die in den einzelnen Veröffentlichungen behaupteten Zahlen zum Honorar der Ärzte so eklatant, dass dies über die Zeit sogar Lesern von Zeitungen mit besonders großen Buchstaben auffallen müsste. Tut es aber nicht.

Andererseits wird auch mit Begriffen getrickst, die den Leser bewusst in die Irre führen sollen. Beliebt ist es z.B., den "Reingewinn" der Hausarztpraxen als Beweis für das enorm hohe - den Hausärzten aber angeblich immer noch zu niedrige Honorar darzustellen. Der betriebswirtschaftliche Laie verwechselt den Reingewinn fast immer mit dem Nettogewinn einer Praxis, was von den Schreibern dieser Artikel oft auch so beabsichtigt wird.

 

Politik und Kassen behaupten unbeirrt und von den Medien ungehindert, dass es keinen Ärztemangel, dafür aber so viele Ärzte wie noch nie gäbe. Daher bestünde nach ihrer Denkweise auch gar kein Grund, die niedergelassenen Ärzte besser zu bezahlen, um Anreize für eine Niederlassung zu schaffen. Hierbei tun sich in erster Linie die Vorsitzenden des GKV-Spitzenverbandes Doris Pfeiffer und Johann-Magnus Frhr. von Stackelberg hervor. Beide leisten für die gesetzlichen Kassen allerbeste Lobby-Arbeit und lassen keine Gelegenheit aus, die Kassenärzte in Misskredit zu bringen. Hier ein Beispiel:

 

Stackelbergs Ärztebashing

 

In diesem Artikel wird "leider" vergessen zu erwähnen, dass Ärzte durch mehr Diagnosen keineswegs mehr Honorar erhalten. Dagegen bekommen die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds, je "kränker" ihre Patienten sind. Oft fordern daher die Kassen die Ärzte unverholen dazu auf, möglichst viele chronische Diagnosen zu stellen, um sie dadurch für die Kassen lukrativer zu machen.

 

Kurz und gut: auch junge Ärzte lesen solche Berichte, und solche Berichte schrecken junge Ärzte von einer Tätigkeit als Kassenarzt ab - egal ob als Hausarzt oder in einer spezialisierten Fachrichtung.

Der Medizinstudent und Präsident des Bundesverbandes der Medizinstudierenden (BVDM) Michael Kraef erklärte in einem Interview:

 

"Ich will gar nicht so sehr über den
Faktor Geld gehen, aber wir müssen
es schaffen, dass der Aufwand eines
Landarztes in einem fairen Verhältnis
zur Vergütung steht.
Ich komme selber aus einer ländli-
chen Region und da sehe ich, wie vor
allem Hausärzte um ihre finanzielle
Existenz kämpfen. Das ist das Ab-
schreckendste, was man so mitbe-
kommen kann. Es ist einfach nicht at-
traktiv, eine 60-Stunden-Woche und
hohen bürokratischen Aufwand zu
haben und sich am Ende des Monats
noch Sorgen um die finanzielle Exis-
tenz machen zu müssen."
 

Der junge Mann weiß definitiv, von was er spricht. Für einen jungen und oft hoch verschuldeten Hausarzt ist es heutzutage sehr schwer geworden, als Alleinverdiener eine Familie zu ernähren.

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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