Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Aktuelle und geplante Maßnahmen gegen den Hausärztemangel

Kassen, KVen und Politik lassen sich so einiges einfallen, um den Hausärztemangel zu bekämpfen, wobei die Taten oft den Äußerungen widersprechen, denn vor allem bei den Kassen will man den Hausärztemangel ja offiziell immer noch nicht so recht zugeben.

 

Im Folgenden werden einige Maßnahmen gegen den Hausärztemangel und meine Einschätzung zu deren Wirksamkeit aufgezeigt.

1. Stipendien für das Medizinstudium

Einige Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen vergeben Stipendien an Medizinstudenten, wenn diese sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums eine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner zu absolvieren und sich in einer hausärztlich unterversorgten Region niederzulassen. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachen (KVS) finanziert seit 2014 sogar 20 Studenten das komplette Medizinstudium in Ungarn, wenn sie sich bereit erklären, anschließend Hausarzt im ländlichen Bereich Sachsens zu werden. Damit sollen vor allem Abiturienten angeworben werden, die aufgrund ihrer Abiturnote eher schlechte Voraussetzungen haben, um zum Medizinstudium zugelassen zu werden.

Hausärzte für Sachsen

Der Haken an den Stipendien ist allerdings, dass es mindestens elf Jahre dauert, bis ein Hausarzt fertig ausgebildet ist. In den nächsten elf Jahren werden jedoch etwa die Hälfte aller derzeit rund 50 000 berufstätigen Hausärzte Deutschlands bereits in den Ruhestand gegangen sein. Die Auswirkungen solcher Stipendien machen sich also viel zu langsam bemerkbar und sind auch nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Man müsste viele tausend Medizinstudenten stipendieren, um zumindest langfristig einen spürbaren Effekt zu erreichen.

 

2. Niederlassungsprämien

Einige Kassenärztliche Vereinigungen und Kommunen loben Prämien für Allgemeinmediziner aus, die sich in unterversorgten Gebieten als Hausärzte niederlassen. Die Prämien betragen üblicherweise zwischen 10 000 und 60 000 Euro für die Übernahme oder Gründung einer Hausarztpraxis.

Leider sind auch die Höchstbeträge viel zu niedrig , als dass man damit einen Hausarzt in die Niederlassung locken könnte, der dies nicht ohnehin schon vorgehabt hätte. Selbst für 60 000 Euro kann man keine allgemeinmedizinische Praxis mit allen notwendigen medizinischen Geräten, Mobiliar, EDV etc. einrichten, und es bleiben danach immer noch die systembedingten hohen wirtschaftlichen Risiken des viel zu niedrigen Honorars und der Regresse, außerdem die hohe Arbeitszeitbelastung, der durch die Kassen verursachte Verwaltungsaufwand, die schlechte Work-Life-Balance u.s.w.

Außerdem werden diese Prämien nicht unbegrenzt angeboten, sondern es stehen nur Gesamtsummen von meist einigen Millionen Euro zur Verfügung, welche kaum für die wirklich benötigte Anzahl von Nachfolgern ausreichen. Die Realität zeigt auch schon seit einigen Jahren, dass diese Prämien zwar gelegentlich "mitgenommen" werden, jedoch in den betroffenen Regionen nicht zum spürbaren Anstieg der Hausarzt-Neuzulassungen oder Praxisübernahmen geführt haben.

 

3. Versorgungsstrukturgesetz II

Nachdem das 2012 in Kraft getretene GKV-Versorgungsstrukturgesetz bzgl. des Hausärztemangels weitestgehend versagt hat, plant der derzeitige Gesundheitsminister Gröhe das GKV-Versorgungsstrukturgesetz II, das 2015 in Kraft treten soll. Darin sollen vor allem Honorarangleichungen der Niedrighonorar-Regionen an das Durchschnittshonorar festgelegt werden, ohne dass Regionen mit überdurchschnittlichen Honoraren, wie z.B. Bayern oder Baden-Württemberg eine Honorarreduktion hinnehmen müssten. Zur Diskussion stehen außerdem Honorarzuschläge für Landärzte in schlecht versorgten Regionen. Geradezu krotesk ist allerdings, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen durch dieses Gesetz verpflichtet werden sollen, freie Kassenarztsitze in überversorgten Regionen aufkaufen zu müssen. (Wie die Neustrukturierung der Niederlassungsbezirke zu offiziell überversorgten Regionen geführt hat, lesen Sie hier.)

Der Gesetzentwurf wurde zwar noch nicht veröffentlicht, Kritiker befürchten aber, dass auch das GKV-Versorgungsstrukturgesetz II bzgl. der hausärztlichen Versorgung ein Flop wird. Mit einer Honorarangleichung an den bisherigen Durchschnitt kann es nicht getan sein, sonst würde man nicht jetzt schon in Bayern oder Baden-Württemberg, wo Hausärzte die höchsten Honorare erhalten einen immer weiter zunehmenden Hausärztemangel ausmachen können.

 

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

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