Hausärztemangel in Deutschland
Hausärztemangel in Deutschland

Ärztemangel - Fakt oder Fiktion?

Niemals gab es in Deutschland mehr Ärzte als heute. Am 31.12.2015 waren in Deutschland 371 302 Ärzte berufstätig, 6 055 mehr als 2014. Die Zuwachsrate entsprach also rund 1,7%. Somit kommt ein Arzt auf etwa 219 Einwohner. Allerdings kommt auf 1 685 Einwohner nur noch ein Hausarzt, womit die 2013 angepasste Bedarfsplanung von 1 zu 1 671 schon wieder unterschritten wurde. Legt man die alte - ungeschönte - Bedarfsplanung von einem Hausarzt pro 1 419 Einwohnern zugrunde, fehlen in Deutschland aktuell schon über 9 000 Hausärzte. Die fehlenden Hausärzte wären für die Betreuung von über 12,8 Mio Menschen nötig.

 

Wie kommt es zu diesem offenbaren Widerspruch zwischen stetig zunehmender Anzahl der Ärzte und dem immer weiter voranschreitenden Hausärztemangel??

 

Politik und Krankenkassen bestreiten den (Haus-)Ärztemangel weitgehend und sprechen von einem Verteilungsproblem. Damit sei gemeint, es gäbe doch genug Ärzte, sie sind nur ungleich, sprich ungerecht in den einzelnen Fachgruppen,  Bundesländern und Regionen verteilt. Daher bestünde, so meinen Kassen und Politik, also gar kein Grund zur Sorge.

 

Schön und gut, aber was hilft das einem Patienten in einem Gebiet, in dem es verteilungsproblematisch betrachtet zu wenig Hausärzte gibt?

 

Es gab auch noch nie so viel zu Essen auf der Welt aber auch noch nie so viel Hunger. Es gab noch nie so viel Trinkwasser auf der Welt, aber auch noch nie so viele Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Es gab noch nie so viel Geld auf der Welt, aber auch noch nie so viel Armut. Diese Beispiele könnte man beliebig fortsetzen.

 

Man stelle sich einmal vor, unser Entwicklungshilfeministerium erklärte den hungernden Menschen in Äthiopien, sie sollen sich doch nicht so anstellen, schließlich gibt es doch genug Nahrung für alle, nur leider habe man ein  Verteilungsproblem, und deshalb scheint es so, als haben sie nichts zu essen. Aber dafür landen in der EU immerhin 90 Mio Tonnen Lebensmittel pro Jahr im Müll.

Eine solche Aussage wäre wohl undenkbar.

 

Aber unsere Gesundheitspolitiker, (selbsternannten) Gesundheitsexperten und die Mächtigen der Krankenkassen wollen uns weismachen, wir hätten genug Ärzte, sie sind dummerweise nur falsch verteilt.

Den Ärztemangel aber mit dem Argument der ungleichen Verteilung abzutun ist viel zu einfach, ja sogar zynisch.

 

 

Wie kommt der Ärztemangel zustande?

 

Um dies zu verstehen, muss man die Tätigkeit der Ärzte in früheren Zeiten mit der Gegenwart vergleichen.

 

Früher war die Ärzteschaft von Männern dominiert, die ihren Beruf in Vollzeit ausübten und meistens über 60 Stunden pro Woche arbeiteten, in der Praxis oder im Krankenhaus. Heutzutage sind die Ärzte nicht mehr bereit diese immensen Wochenarbeitszeiten abzuleisten. Es gibt schon lange Tarifverträge mit den Trägern der Kliniken, die eine Vollzeit-Wochenarbeitszeit von etwa 40 Stunden festschreiben. Hinzu kommt, dass immer mehr Ärzte in Teilzeit arbeiten. Vor allem Ärztinnen, die mittlerweile schon fast die Hälfte der Ärzteschaft stellen (und rund 60% der derzeitigen Medizinstudenten!), legen ihren Lebensschwerpunkt heutzutage nicht auf den Beruf sondern auf die Familie. Etwa die Hälfte aller Ärzte arbeitet nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeit (BAA) nur noch 40 h und weniger pro Woche.

Es kommt also nicht auf die absolute Anzahl der Ärzte an, sondern auf deren durchschnittliche Arbeitszeit, welche in den letzten Jahren sehr stark zurückgegangen ist. Wir haben also kein Arzt-pro-Kopf- sondern ein Arzt-pro-Zeit-Problem.

 

Ein weiterer Aspekt des Ärztemangels ist die zunehmende Einforderung von ärztlicher Leistung, die natürlich auch durch das zunehmende, grundsätzlich zur Verfügung stehende medizinische Angebot an Diagnose- und Therapiemöglichkeiten in die Höhe getrieben wird. Die ansteigende Einforderung ärztlicher Leistung hängt auch mit dem demographischen Wandel zusammen. Die Deutschen werden im Durchschnitt immer älter und somit naturgemäß immer kränker. Das lässt sich vor allem in der Anzahl der Arztbesuche pro Jahr erkennen. Mittlerweile geht jeder gesetzlich Versicherte im Durchschnitt mehr als 18 Mal pro Jahr zum Arzt, wobei die Zahnarztbesuche noch nicht einmal mitgerechnet werden.

 

Die Leistungsfähigkeit und die Anzahl der berufstätigen Ärzte steigt aber nicht proportional zur eingeforderten ärztlichen Leistung an, wodurch eine immer größer werdende Versorgungslücke entsteht. Diese Lücke wird aufgrund der Überalterung der niedergelassenen Ärzteschaft zusätzlich vergrößert, da in den nächsten Jahren deutlich mehr niedergelassene Ärzte ihre Praxen aufgeben werden, als Nachfolger zur Verfügung stehen.

 

Die Sozialgesetzgebung, die gesetzlichen Krankenkassen, aber auch die privaten Krankenversicherungen tragen nun ihrerseits dazu bei, das Problem vor allem im Nachwuchsbereich zu verschärfen. Die Niederlassung als Kassenarzt wird zunehmend unattraktiver, das wissen schon die Medizinstudenten im ersten Semester.

 

Honorar:

Die ärztliche Leistung wird, auf die Inflation und die steigenden Personalkosten bezogen immer schlechter honoriert. Es gibt zwar jedes Jahr eine Erhöhung des ärztlichen Kassenhonorars, diese bleibt aber deutlich hinter den Inflationsraten und der Kostensteigerung der Vorjahre zurück. Im Bereich der privaten Krankenversicherungen (PKV) gab es seit 1997 überhaupt keine Honoraranpassung mehr. Privatpatienten werden also noch zu den gleichen Honorarsätzen behandelt, wie vor 20 Jahren.

Der ehemalige Gesundheitsminister Seehofer führte zu allem Überfluss noch die Budgetierung der kassenärztlichen Leistung ein, so dass der Kassenarzt auch mit Mehrarbeit keinen Ausgleich erzielen kann, denn der maximale Umfang seiner honorarfähigen Leistung wurde ihm von nun an vorgeschrieben. Arbeitet er mehr als ihm zugestanden wird, erhält er für die zusätzliche Leistung kein oder nur ein deutlich gekürztes Honorar.

 

Medikamenten-, Heil- und Hilfsmittelbudgets:

Doch mit der Budgetierung der honorierbaren Arbeitsleistung war es nicht getan. Auch die Verordnungen von Medikamenten, Physiotherapien (Heilmittel) und Hilfsmitteln wurden durch Seehofer budgetiert. Pro Patient und Quartal stehen nur bestimmte Beträge zur Verfügung, die der Arzt mit seinen Verordnungen „ausgeben“ darf. Überschreitet der Arzt diese Beträge über einen bestimmten Karenzbetrag hinaus, droht ihm von den Krankenkassen eine Regressforderung. Solche Regressforderungen, um die vor den Sozialgerichten oft jahrelang gestritten wird, können leicht sechsstellige Summen annehmen und die wirtschaftliche Existenz des Arztes und der Praxis vernichten.

Je mehr Patienten ein Arzt behandelt, umso größer wird natürlich sein Risiko, mit einer Regressforderung konfrontiert zu werden. Kassenärzte sind daher gar nicht daran interessiert, so viele Kassenpatienten wie möglich zu behandeln, was zu Folge hat, dass viele Ärzte Neupatienten ablehnen oder deren Behandlung ins nächste Quartal verschieben. Das macht übrigens einen Aspekt der aktuell heftig diskutierten Wartezeitproblematik aus.

 

Allein das Honorar, dass ein niedergelassener Arzt mit der Behandlung von Kassenpatienten erzielt, reicht in vielen Fällen nicht mehr aus, um eine Kassenpraxis zu betreiben und einen angemessenen Lebensunterhalt nach elfjähriger Ausbildung und hohen Investitionskosten sicher zu stellen. Laut eines Urteils der Sozialgerichte steht einem Kassenarzt noch nicht einmal ein Gewinn aus der Behandlung von Kassenpatienten zu. Eine Planungssicherheit gibt es für Hausärzte daher schon lange nicht mehr, und auch die Banken schrecken immer häufiger davor zurück, den Erwerb oder den Aufbau einer Hausarztpraxis zu finanzieren. Darüber täuschen auch nicht die vielen Medienberichte über die angeblich hohen Honorare der Hausärzte hinweg. "Honorar" ist nicht gleich "Gewinn".

Wer dazu noch in der ständigen Gefahr leben muss, immense Beträge an die Kassen zurückzahlen zu müssen, überlegt sich die Niederlassung lieber dreimal.

 

So wundert es wohl kaum, dass nur noch wenige junge Ärzte den Weg in die Nierderlassung als Hausarzt suchen.

Auch viele Medizinstudenten und junge Ärzte werden den unten verlinkten Bericht aus Spiegel online vom 16.4.18 zur Kenntnis nehmen, in dem es darum geht, dass zwei hessische Hausärzte mehrere zehntausend Euro Honorar zurückzahlen müssen, weil man ihnen vorwirft, in den letzten Jahren deutlich mehr Hausbesuche durchgeführt zu haben, als der Durchschnitt der hessischen Hausärzte! Hier werden also zwei Hausärzte nach den Regeln der deutschen Sozialgesetzgebung abgestraft, weil sie ihrem Beruf mit großem Engagement  nachgehen. Die meisten Hausärzte machen sowieso keine oder nur noch wenige Hausbesuche, da diese durch das niedrige Honorar von nicht einmal 23€ unwirtschaftlich geworden sind.

 

Viele junge Mediziner werden daraus ihr Schlüsse ziehen und womöglich nicht mehr in Erwägung ziehen, Hausarzt zu werden - sofern sie das überhaupt je vorgehabt hätten.  Als Hausarzt setzt man sich ganz offenbar der Gefahr aus, bestraft zu werden, wenn man seinen Beruf allzu ernst nimmt.

 

Zwei hessische Hausärzte werden für zuviele Hausbesuche bestraft

Ein Hausarzt aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Oer-Erkenschick musste am Montagmorgen 300 Patienten behandeln und schreibt einen Brandbrief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn. Auf dessen Antwort darf man gespannt warten.

 

Hausarztpraxis schleust am Montagmorgen 300 Patienten durch

Druckversion Druckversion | Sitemap
Copyright by Andreas Ploch, April 2018